„Wenn man Sexismus bekämpfen will, muss man an das ungleichmäßige Machtgefälle ran.“

Wir haben die Familienministerin von Rheinland-Pfalz, Anne Spiegel, getroffen und uns mit ihr u.a. über ihre politischen Anfänge, das Thema Sexismus in unserer Gesellschaft, die Rolle der Frau im Beruf und ihre politischen Ziele unterhalten.

Wenn Sie zurückdenken in Ihrem Leben, wo begann das politische Interesse zu reifen?

Relativ früh ehrlich gesagt, weil ich aus einer sehr politischen Familie komme. Meine ersten Kindheitserinnerungen sind auch wie ich im Kinderwagen über irgendwelche Friedens- und Frauendemos geschoben wurde. Es wurde bei uns immer viel diskutiert. Und dann ging alles so seinen Lauf: Ich war Klassensprecherin, Schülersprecherin, dann bin ich bei der Jugendorganisation der Grünen eingestiegen und das hat sich dann so fortgesetzt…

Im Rahmen des Frauenempfangs haben Sie einen Vortrag über das Thema „Laut und Stark – Gemeinsam gegen Sexismus“ gehalten. Was ist hinsichtlich dessen in der Gesellschaft noch zu tun, wo gibt es noch große Lücken?

Ein Riesen-Problem ist, dass Sexismus nach wie vor in unserer Gesellschaft ein Tabu-Thema ist. Es sprechen viel zu Wenige darüber, es wird unter den Teppich gekehrt. Und es ist gleichzeitig leider ein alltägliches Phänomen. Es gibt eigentlich keinen Bereich, der von Sexismus ausgenommen ist: Sport, Kultur, Medien, Politik, die Arbeitswelt aber auch das private Umfeld – und deswegen wollten wir genau dort ansetzen. Der Nährboden für Sexismus ist ja das ungleiche Machtgefälle zwischen Männern und Frauen. Das heißt, wenn man Sexismus bekämpfen will, muss man an das ungleichmäßige Machtgefälle ran.

Von der Politik abgesehen, haben es Frauen heute noch schwerer nach der Elternzeit zurück ins Berufsleben zu finden beziehungsweise die Karriereleiter dann noch aufzusteigen. Wie kann das noch besser geregelt werden?

Das stimmt. Im Grunde leben wir gerade in einer Gesellschaft in der die Generation, die jetzt vor der Familiengründung steht, eigentlich gleichberechtigt zusammenlebt. Die Frauen studieren selbstverständlich, machen Karriere und dann mit der Familiengründung geht die Schere auseinander und es wird für die Frauen schwieriger. Ich glaube deswegen müssen wir einerseits die Strukturen schaffen, dass Frauen das Recht haben – was sie ja jetzt auch bekommen haben – von der Teilzeit in die Vollzeit zurückzukehren. Also man kann arbeitsmarktpolitisch da einiges bewegen, aber ich glaube die Debatte läuft falsch, wenn wir immer nur hinterfragen, was Frauen anders machen können. Die Männer müssen auch mit ins Boot geholt werden. Damit meine ich nicht die 8 Wochen Elternzeit, die viele Männer nehmen. Sondern wirklich ein Engagement in der Familien- und Sorgearbeit, in der Hausarbeit – was eben über die 8 Wochen Elternzeit hinausgeht. Wenn wir da eine Gleichberechtigung hinbekommen, dann wäre das der entscheidende Schritt.

Welche politischen Ziele verfolgen Sie ganz besonders?

Ja, das eine ist ganz klar der Klimaschutz. Denn der Klimawandel klopft an die Türen. Eigentlich ist es schon längst fünf nach zwölf. Das was die Bundesregierung da vorgelegt hat zum Klimapaket, das reicht einfach nicht. Da wird auch das, was man sich ausgedacht hat, keine Lenkungswirkung entfalten, um die Pariser Klimaschutzziele noch erreichen zu können. Ich habe selbst vier kleine Kinder und es treibt mich um, in welcher Welt die später leben werden. Wir sind gerade dabei, diesen Planeten so nachhaltig zu zerstören, dass da später kaum noch etwas zu retten ist. Deswegen brauchen wir ein dringendes Umsteuern. Das ist eigentlich mein Hauptthema. Aber neben dem ökologischen Klima ist mir auch das gesellschaftspolitische Klima wichtig. Denn auch da triften wir gerade in eine Richtung die sehr besorgniserregend ist Hass und Hetze breiten sich weiter aus; wir haben einen aufkommenden Rechtsextremismus und es ein Stück weit mit einer Rhetorik zu tun, die vor einigen Jahren noch für einen Aufschrei gesorgt hätte. Da wird leider an der ein oder anderen Stelle „salonfähig“, was nie salonfähig werden darf!

Vielen Dank, Anne Spiegel, vielen Dank Johannes Fischer, der das Interview in unserem Auftrag führte.