Kölsche Bühnenkunst zwischen Tradition und Aufbruch
Andernach. Bis zum Elften im Elften waren es noch gut vier Wochen. In der Mittelrheinhalle war die kommende Session am Samstag, 10. Oktober, jedoch schon zum Greifen nah. Zum 22. Vorstellabend für die Region Mittelrhein hatte der „Klub Kölner Karnevalisten“ (KKK) eingeladen; die Halle war ausverkauft. Die 1950 gegründete Künstlervereinigung zählt mehr als 100 Künstler aus Köln und dem Rheinland zu ihrem Kreis, darunter große Namen wie Brings, Bläck Fööss, Domstürmer und Bernd Stelter. Doch neben den etablierten Stars bietet der KKK auch dem Nachwuchs eine wichtige Bühne. Seine Vorstellabende sind deshalb weit mehr als Unterhaltung: Sie ermöglichen es den Vereinen, neue Programme kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und Künstler unmittelbar für ihre Sitzungen zu verpflichten. Entsprechend waren Vertreter von mehr als 30 Karnevalsvereinen angereist. Zu den Gästen gehörten auch Repräsentanten der Arbeitsgemeinschaft Koblenzer Karneval (AKK) und des Festausschusses Andernacher Karneval sowie Andernachs Beigeordneter Heribert „Molly“ Zins und der Erste Kreisbeigeordnete Pascal Badziong.
Von Weißenthurm nach Andernach
Der Mayener Theo Schäfges trug in Andernach gleich doppelte Verantwortung: Als Inhaber des TSK-Veranstaltungsservice richtet er den regionalen Vorstellabend seit 2003 aus – zunächst in Weißenthurm, seit 2023 in Andernach. Zugleich repräsentierte er den KKK als dessen Erster Vorsitzender. Nach vielen Jahren als Stellvertreter war er 2025 an die Spitze des renommierten Klubs gewählt worden. Unabhängig davon prägte er über ein Jahrzehnt als Präsident die KKG Fidele Zunftbrüder, bevor er dieses Amt 2025 aus eigenem Entschluss abgab und zum Ehrenpräsidenten ernannt wurde. Bei den übrigen KKK-Vorstellabenden vertritt Schäfges den Klub dagegen ausschließlich in seiner Funktion als Vorsitzender.
Eine Bühne, viele Facetten
Um 19 Uhr begrüßte Schäfges die Gäste. Die Moderation des mehr als fünfstündigen Programms übernahm kurzfristig KKK-Pressesprecher Rainer Moll anstelle von Robert Greven. Das Gardecorps Köln eröffnete den Abend mit tänzerischem Schwung, bevor Harry un Achim rheinische Redekunst boten: schlagfertig, hintersinnig und gerne ein wenig boshaft. Darauf folgte Mike Müller. Der erst 23-jährige Sänger, neu im KKK, stellte eigene Titel vor und brachte eine junge musikalische Stimme in das Programm.
Ein besonderer Höhepunkt waren die Zunft-Müüs der KKG Fidele Zunftbrüder. Die 1995 gegründete Formation zählt längst zu den renommierten Kölner Tanzgruppen und trägt seit 2024 die Auszeichnung „Original Kölsche Tanzgruppe“. In ihren charakteristischen grün-weißen Uniformen begeisterte das Ensemble mit anspruchsvollen Choreografien, spektakulären Würfen und präzisen Hebefiguren. Mit dem Tanzpaar Annika Strunk und Chris Höller an der Spitze verbinden die Müüs sportliche Höchstleistung mit spürbarer Leidenschaft. Verantwortlich für die Choreografien ist seit 2009 Trainer Sascha Epstein. Danach sorgte das Rednerduo „Dä Een un der Anne“ für einen Wechsel der Tonlage; Sänger KEV setzte mit Kölsch-Pop andere Akzente, ehe „Feuerwehrmann Kresse“ den Humor wieder in den Mittelpunkt rückte.
Neue Namen und vertraute Größen
Dass der Vorstellabend auch jungen Formationen eine Bühne bietet, bewies Plümo. Die erst 2025 gegründete Kölschband präsentierte bei ihrem KKK-Probeauftritt einen Mix aus Pop, Rock und rheinischer Mundart. Mit dem Dellbröcker Boore Schnäuzer Ballett der KG UHU folgte die augenzwinkernde Parodie auf das klassische Korpswesen – seit Jahrzehnten ein eigenwilliges Stück Kölner Karnevalskultur.
Eine besondere Premiere feierten die GroßstadtEngel. Myriam Koudsi und Chris Gethmann aus Langenfeld hatten mit ihrem generationsübergreifenden Hit „Gute Laune“ sogar Platz zwei der deutschen Singlecharts erreicht. In Andernach stellten sie nun drei neue Karnevalstitel vor. Mit Colonia Rut Wiess kehrte anschließend die große Tanzkunst zurück: Das 2026 mit dem „Närrischen Oscar“ ausgezeichnete Corps beeindruckt mit Hebefiguren und Würfen. Solist Marcel Wirtz brachte eigene Lieder mit, ehe Torben Klein, im Vorjahr noch musikalischer Auftakt des Abends, diesmal zu später Stunde übernahm.
Finale mit Tanz und Gesang
Für einen letzten artistischen Höhepunkt sorgte High Energy Showtanz aus Euskirchen-Billig. Die mehrfachen Deutschen Meister verbinden anspruchsvolle Choreografien mit Livegesang – und lassen eine Sängerin mittanzen. Den musikalischen Schlusspunkt setzten die Boore, ehe sich der Vorhang kurz nach Mitternacht schloss. Als Abschluss der KKK-Reihe war für den 24. Oktober die große Künstlerpräsentation im Kölner Maritim-Hotel angesetzt. Was sie auszeichnet, war bereits in Andernach zu erleben: die selbstverständliche Nachbarschaft von Tradition und Aufbruch. Für die Vereine am Mittelrhein bot der Abend nicht nur beste Unterhaltung, sondern auch reichlich Anregungen für die Session 2026/27.
Text: Roland Schäfges – www.myfoto24.eu
Foto: Dirk Förger , Roland Schäfges








