Folge 2 der Serie rund um die Entwicklung von games

Die Frage „Muss man da nicht unglaublich kreativ sein?“, kennt Dr. Johannes Mattmann von Andarion Games aus Mainz, den wir für die nächsten Ausgaben bei seiner Arbeit als Spieleentwickler begleiten, nur zu gut. „Ganz oft, wenn ich mit neuen Leuten ins Gespräch komme und erzähle, dass ich ein Spielestudio gegründet habe, ist das die erste Frage.“, verrät er uns. Also: Muss man wirklich unglaublich kreativ sein dafür? Wir sind mit ihm dieser Frage einmal nachgegangen.

Sicherlich ist Kreativität wichtig, aber man kann diese Fähigkeit auch trainieren. Immerhin kann man in diesem Job nicht warten, bis einem der entscheidende Einfall kommt. Spieledesigner müssen sich folglich an kreative Ideen herantasten. Dazu gibt es Mittel wie Design Thinking, um den Prozess zu unterstützen. Doch die Empfehlung des Firmengründers ist noch einfacher: Selbst spielerisch sein und denken, mit offenen Augen durch die Welt gehen und auch Alltägliches hinterfragen. Bei Andarion Games gibt es nicht den obligatorischen Kicker, wie in anderen Startups, aber dafür Jonglierbälle, Plüschfiguren und Poster anderer Spiele, um sich inspirieren zu lassen. Herr Mattmann unterscheidet dabei für seine Produkte zwischen drei Prinzipien, um Spielideen zu entwickeln: Die Variation von etwas Bestehendem, die Rekombination bekannter Elemente und komplett neue Ideen. Alle Varianten hat Andarion Games getestet:

Andarion Games’ erster Prototyp Shopping Baby ist die Rekombination bestehender Elemente zu einem neuartigen Erlebnis. Der Spieler übernimmt in dem kleinen Titel die Rolle eines Elternteils, das mit einem Kleinkind im Supermarkt einkaufen geht. Eine Situation, in die sich vor allem Frauen zwischen 30 und 40 Jahren hineinversetzen können, so verraten es die Download-Statistiken. Der Spieler muss mit dem Finger Produkte von einem eingeblendeten Einkaufszettel aus den Regalen in den Wagen hineinziehen. Gleichzeitig räumt das Kind den Wagen leer oder legt unerwünschte Gegenstände hinein. „Die Idee ist mir beim Spazierengehen gekommen“, so Herr Mattmann. Entwickelt wurde das Spiel zunächst im Rahmen eines Game Jams, bei dem in kürzester Zeit alle beteiligten Gruppen kleine Spiele entwickeln und dann für andere zum Anspielen online stellen. Dabei gibt es immer ein Motto oder eine Aufgabe. In diesem Fall war das Ziel, ein Spiel aus der Egoperspektive zu entwickeln, also aus der Sicht des Spielers. Die kreative Leistung bestand vor allem darin, ein bestehendes Konzept – einen Runner, wie man ihn etwa von Subway Surfer kennt – in die Egoperspektive zu transportieren und eine „Story“ darum zu bauen. “Das Spiel wurde zwar kein Erfolg, war aber die Grundlage für die erste Zusammenarbeit mit einem professionellen Publisher aus England für unser junges Unternehmen.”, erklärt uns Herr Mattmann.

Ein späterer Prototyp von Andarion Games Run for Likes greift ein erfolgreiches Spielekonzept auf und führt eine neue Wendung ein. Vorbild war Money Run 3D, ein Erfolgstitel aus dem Jahr 2021, in dem der Spieler Geld verdient, während er über einen Laufsteg läuft und Geldbündel einsammelt. Dabei muss er möglichst vermeiden, an Gauner zu geraten, die ihm das Geld wieder abnehmen. Daraus entstand das Game Run for Likes, in dem der Spieler in die Rolle einer jungen Frau schlüpft, die Content Creatorin werden möchte und Likes und Herzchen sammelt. Schlechte Emojis, Shitstorms und Youtube-Beef sind tabu, ein Selfie mit einem bekannten Creator boostet dagegen die eigene Bekanntheit.

Ein Beispiel für die komplett freie Kreation gibt es bei Andarion Games zwar noch nicht, Herr Mattmann hat aber aus seiner Game Jam-Erfahrung auch dazu ein Beispiel: Zum Thema “Transmission” entwickelte er mit seinen Mitstreitern ein Mini-Spiel, in dem zwei Spieler gleichzeitig von links nach rechts über den Bildschirm laufen und Hindernissen ausweichen müssen. Dazu können sie Fähigkeiten verwenden wie Springen, Ducken oder Teleportieren. Die Herausforderung dabei ist, dass die Fähigkeit jeweils nur einem Spieler zur Verfügung steht, das bedeutet, dass ständig – je nach kommendem Hindernis – Fähigkeiten zwischen beiden Spielern getauscht werden müssen. Man kann sich vorstellen, dass eine Partie sehr laut und unterhaltsam verläuft, da sich beide Spieler ständig absprechen müssen. Dieses Spiel folgt keinem bekannten Muster, sondern ist um eine Mechanik – die des Fähigkeiten-Wechselns – herum aufgebaut und steht für sich. Spiele mit derartigen neuen Mechaniken haben es am Markt oft am schwersten, da keine richtige Einordnung greift. Wenn ein solches Produkt jedoch erfolgreich ist, kann es manchmal ganze Genres neu begründen.

Zuletzt noch ein paar Tipps aus dem Nähkästchen: Brettspiele, alte Videospiele, Spielautomaten oder Sport- und Freizeitspiele können ein super Ausgangspunkt für eigene Ideen sein. Manchmal ist es aber auch genau das richtige, einfach eine quasi-Fortsetzung seines Lieblingsspiels in Angriff zu nehmen – natürlich mit eigener Note. In ganz vielen kleinen Dingen des Alltags stecken eigentlich Abläufe und Mechaniken, um die man auch ein Spiel bauen könnte: Warum nicht ein Spiel erfinden zum Ablegen des Einkaufs auf das Band? Hierbei müssten nur mit dem richtigen Timing Warentrenner zwischen einzelnen Kunden platziert werden. Und wenn diese leer sind, schnell welche vom anderen Ende nach vorne geholt.

Nur eure Fantasie ist die Grenze – trainiert doch einfach mal euren Erfindungsmuskel!

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